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Faust. Der Tragödie erster Teil

Und Fluch vor allen der Geduld 

 

Zum Stück

 

Verflucht voraus die hohe Meinung,
Womit der Geist sich selbst umfängt!
Verflucht das Blenden der Erscheinung,
Die sich an unsre Sinne drängt!
Verflucht was uns in Träumen heuchelt,
Des Ruhms, der Namensdauer Trug!
Verflucht, was als Besitz uns schmeichelt,
Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!
Verflucht sei Mammon, wenn mit Schätzen
Er uns zu kühnen Taten regt,
Wenn er zu müßigem Ergetzen
Die Polster uns zurechte legt!
Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!
Fluch jener höchsten Liebeshuld!
Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allen der Geduld!

 

So formuliert sich am Anfang der Tragödie der Weltekel, der Faust seinem Herausforderer zutreibt – Mephisto, dem Geist, der »stets verneint« – und der damit jenes Prinzip verkörpert, das sich Faust mit dem Pakt als Daseinsoption aushandelt: Innehalten, Geduldig- oder gar Befriedetsein werden dabei ausgeschlossen.

Der Pakt mit Mephisto ist die Antwort auf den gescheiterten Versuch Fausts zu erkennen, »was die Welt / Im Innersten zusammenhält«. Die bis dahin beschrittenen Wege, die von der Betreibung ›seriöser‹ Wissenschaft bis zu spirituellen Experimenten (der Erdgeistbeschwörung beispielsweise) reichen, werden ad acta gelegt. Stattdessen ist Faust nun gewillt, sich ins Rauschen der Zeit, ins Rollen der Begebenheit zu stürzen, von Begierde zu Genuß und von Genuß zu Begierde zu taumeln und sich im Karussell der unendlichen Möglichkeiten zumindest die Zeit zu vertreiben, weil andauernde Zufriedenheit, so die mit Blut quittierte Bedingung der Wette, ja tödlich wäre.

So gesehen ist Faust der Protagonist der Moderne: das von Panik getriebene Subjekt; panisch vor Angst, dem Moment des Verweilenwollens nicht entrinnen zu können.

Und mit Mephisto hat er den perfekten Coach an seiner Seite, der ihn dahin lenkt, wohin er ihn haben will: »Staub soll er fressen, und mit Lust«.

Das pathetische Leiden an der Welt mündet unter Mephistos Beihilfe über die Stationen »Auerbachs Keller« und »Hexenküche« in eine (zwar euphorisch idealsierte), aber deshalb nicht minder ordinäre Triebbefriedigung. Der ›wirre Sucher‹, um den Mephisto zu Beginn mit dem ›HERRN‹ wettet, wird vom Teufel präpariert für die spätere Welteroberung. Und Mephisto kann sich sicher sein, dass ihm diese Übung gelingen wird. Er muss sich nur des richtigen Instru-mentariums bedienen. Gretchen wird aufs Tapet gebracht und verfehlt ihre Wirkung auf den vertrockneten Stubengelehrten nicht. Verjüngt, d.h. gestärkt (wodurch auch immer: Viagra, Hormone, Amphetamine), verändert sich seine Perspektive auf die Welt, in die plötzlich auch er passen könnte. Er will Gretchen besitzen und verwirft die Leidenschaft zu ihr im Augenblick des Besitzes. Er vergißt das so heiß begehrte »süße junge Blut« im Taumel der »Walpurgisnacht«. ---Einige wenige Ressentiments gibt es noch, eine knappe Selbstbefragung in »Wald und Höhle«, aber die Abhängigkeit von seinem ›Programmmacher‹ Mephisto, das muss sich Faust eingestehen, ist bereits zu groß geworden, als dass sein Widerstand Bestand haben könnte.

Faust muss über Gretchen hinweg – aus der »kleinen« in die »große« Welt – und dort seinen von Kollateralschäden und Katastrophen gesäumten Weg weiterhasten.

Insofern ist der Ausgang des Rettungsversuchs des verlorenen Mädchens im Kerker, das das gemeinsame Kind ermordet hat und sich schuldig am Tod der Mutter und des Bruders fühlt, schon vorher klar. Und es ist Gretchen, die sich lebensklug und todesbereit in keiner Sekunde auf den halbherzigen Vorschlag einer Flucht einlässt.

Es gibt nicht viele Figuren in der deutschen Dramenliteratur, die immer wieder eine so gravierende Umdeutung in ihrer Interpretationsgeschichte erfahren haben wie Faust. An ihm, Dr. Heinrich Faust, lässt sich sehr genau ablesen, wie sehr sich das Verständnis von Welt gerade in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat.

Noch vor einem guten Vierteljahrhundert galt das sogenannte »Faustische«, das ewig Drängende, Vorwärtstreibende als Synonym für das, was als »Wille zum Fortschritt« verstanden wurde. Dies hatte einen durchaus positiven Beigeschmack – und zwar auf beiden Seiten der die Gesellschaftssysteme teilenden Mauer. Natürlich, da gab es keinen Zweifel, war die Opferung Gretchens und später die erzwungene Preisgabe Helenas, die Auslöschung von Philemon und Baucis verbunden mit persönlicher Schuld – aber jegliches Fortschreiten, das war ebenso klar, kostet etwas. Daran war nicht zu rütteln. Oder – um es euphemistisch zu formulieren: Wo gehobelt wird, müssen Späne fallen … Faust war, so hörte ich es noch im Literaturunterricht -meiner DDR--Abiturklasse, eine positive Leitfigur, kritisierbar im Einzelnen, aber eben doch »in seinem dunklen Drange« sich des »rechten Weges wohl bewußt«. In ihm verkörperte sich Zukunft. Der Traum vom wimmelnden, »freien Volke«, das auf »freiem Grunde« stehen müsse, rastlos tätig, weil nur der sich »Freiheit wie das Leben« verdient, der »täglich sie erobern muß« – als Traum einer perfekten Welt –, wurde wagemutig von den Ideologen der DDR als Vision einer kommunistischen Gesellschaft vereinnahmt. WIR schreiben Faust, Teil 3, hatte Walter Ulbricht in den Sechzigern verkündet. Mit einem in diesem Sinne verstandenen Helden verknüpfte sich ganz selbst-verständich die Vorstellung einer vom Menschen beherrsch-baren, hochtechnisierten Welt, in der Glück meßbar sein müsse.

Die »Gewimmelutopie«, wie Michael Jaeger so treffend formuliert, überschrieb beide Gesellschaftsordnungen im Osten wie im Westen. Dorthin sollte die Zukunftsreise gehen! Inzwischen ist eben dieses immerwährende tätige »Gewimmel« der allgegenwärtige Ist-Zustand. Zugleich ahnen oder wissen wir aber, dass die allgemeine Fortschrittsidee, reduziert auf ökonomisches Wachstum, kein tragfähiges Konzept für die Zukunft ist. Faust, der das Verharren im glücksbringenden Augenblick bei Strafe des eigenen Untergangs negieren muss, ist damit zur Projektionsfläche für die Kritik an der Moderne geworden. Denn das »Veloziferische« (Michael Jaeger) ignoriert »Nachhaltigkeit« – den neu erschaffenen Lieblingsbegriff für alles, was alternativ ist oder sein will und gegen die Faustische Lebensmaxime des »höher, schneller, weiter, größer« steht.

Faust – ein närrischer Dilettant also, ein Zerstörer, ein Gejagter auf der Jagd, ein Mann ohne inneren Halt, ohne stabiles Wertesystem – so bildet sich die Lektüre der Tragödie heute beim Leser ab und kommt dem Denkansatz Goethes damit eventuell näher. Denn Goethes Reflexion der Zeitereignisse, v.a. all jener Prozesse, die die französische Revolution in ganz Europa auslöste, ist skeptisch und ablehnend. Wie Vorwegnahmen lesen sich seine Zeitbeschreibungen in Briefen, die dann, geronnen in der Theaterfigur Faust, poetische Kraft und Gültigkeit erlangen.

 

In einem Briefkonzept des Dichters von 1825 heißt es:

»Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut (…) Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten (…) Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt’s von Haus zu Haus (…) und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles ist veloziferisch.«

 

In unserer Version ist Faust zu Beginn seines Dramas der skurrile Einzelgänger, der verschrobene Solist, der – indem er sich ausliefert an den Geist der Zeit, an Mephisto, den Verführer, den Entertainer, den Dealer, den Zyniker – präpariert wird für das System des Kapitalismus, das in jeden Lebensbereich, jedes Beziehungsgefüge greift, also auch in die Liebes-beziehung, die dem Prinzip der ständigen Beschleunigung /Effektivierung / Erneuerung genauso unterworfen ist wie alles andere auch.

Ist der Pakt zwischen Faust und Mephisto einmal geschlossen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Faust so funktioniert, wie Mephisto es will. Mit dem Zwang, in ständiger Erwartung von Zukünftigem zu leben, wächst die Abhängigkeit des modernen Subjekts von den Offerten des »Teufels« (des Antipoden), die ihm eben jedes Zukünftige in noch schönerer, noch vollkommenerer Manier verheißen. War es im Studierzimmer eine Lebenskrise, die aus der Kritik am Leerlauf des eigenen Denkens erwuchs, das seinen Sinn verfehlte, so ist diese Lebenskrise nun permanent, weil jedes Ziel, das Faust anstrebt (und im Unterschied zu vorher auch erreicht) im Moment des Erreichens schon ein verfehltes ist.

Der Erlebnisparcour (von Auerbachskeller über Hexenküche bis zur Erschaffung der Gretchenwelt als Drama im Drama und dem Walpurgisnachtzauber), den Mephisto für Faust errichtet, bleibt fest in der Kontrolle des »Teufels« und seines »Teams«. Und wir werden Zeugen einer Zurichtung, die eher dystopischen als utopischen Gehalt hat.

Und doch schwingt bei der Erkundung dieser Dichtung noch ein ganz anderer Aspekt mit: Die Unerbittlichkeit der Realitätserkenntnis, viele tagespolitische Ereignisse und Debatten, die Goethe im Verlauf des 60-jährigen -Schaffensprozesses verfolgte, präsentieren sich, kunstvoll eingewoben, als virtuoseste Poesie, in der selbst der bitterste Vorgang (im Sinn des klassischen Kunstkonzeptes) ›schön‹ ist. Dies ist Herausforderung und Schwierigkeit zugleich: Bedeutungszusammenhänge haben sich komplett verändert, die Wertigkeiten von Begriffen verschoben und der Wortschatz und damit die Art der Mitteilung (ob schriftlich oder mündlich) überhaupt verändert. Unsere Beschäftigung gilt also einer Tragödie, die 200 Jahre alt ist, jedoch bedrückend aktuell in der Analyse der allumfassenden Wirksamkeit des ›Kapitalismus‹, dessen Geburtsstunde Goethe miterlebte. Wie Faust nach wie vor für das »moderne, egoistische Individuum« stehen kann, so mag man Mephisto als bühnenwirksame Personfizierung eines nach wie vor allmächtig erscheinenden öknomischen und sozialen Prinzips deuten – dessen Wirksamkeit sich bis heute noch einmal um ein Vielfaches beschleunigt hat.

Leitfigur ist Faust also immer noch, der Glanz des besonderen Einzelnen ist ihm allerdings im letzten Jahrhundert abhanden gekommen. Es ist eher der Effekt einer nicht immer angenehmen Selbsterkenntnis, die uns beim Zuschauen an ihn binden könnte.

 

Beate Seidel