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Helden!

Drei Fragen an Karen Köhler

Im Dezember 2013 hast du Jonas Brandt mit dem Stück »Deine Helden – Meine Träume« in die Klassenzimmer von Weimar und Umland geschickt. Gab es eine Erfahrung bei dieser Unternehmung, die dir besonders wichtig war?

Ja, die gab es tatsächlich. Vom Theater hatte ich die Form und das Thema gestellt bekommen. Also, dass es ein Klassen?zimmerstück sein und dass das Thema Rechtsextremismus behandelt werden soll. Bevor ich angefangen habe, zu schreiben, wollte ich meine Zielgruppe kennenlernen. Ich wollte wissen, was Kinder und Jugendliche aus Weimar und Thüringen beschäftigt. Was sind ihre Ängste, was sind ihre Träume und Wünsche, welche Superkräfte hätten sie gerne? Solche Dinge. Es war mir auch wichtig, nicht sofort im Vorfeld zu politisieren. Und ich bin dann für ein paar Wochen hergekommen und mit Fragebögen in verschiedene Schulklassen gegangen. Außerdem habe ich junge Boxer des Boxvereins interviewt.
Das Vertrauen, das mir einige Jugendliche in ihren Antworten entgegenbrachten, hat mich sehr berührt. Dafür bin ich sehr dankbar, das ist wirklich ein Geschenk.

 

Jetzt arbeitest du an der Fortsetzung der Geschichte von Jonas und seinen Freunden. Weißt du schon, worum es darin gehen wird?

Im Moment bin ich noch dabei, mir Fragen zu stellen. Aber es gibt auch schon Konkretes: Es werden natürlich Jonas, Mo und Jessica zusammen auf der Bühne stehen und ihre Geschichte weitererzählen. Sie haben sich also wiedergefunden. Das kann im echten Leben sein, vielleicht aber auch in einem virtuellen Raum wie z.?B. einem Chat-Room.
Gleichzeitig hatte ich schon vor einem Jahr in den Fragebögen auch nach Superheldenfähigkeiten gefragt. Das ist eine Utopie: Superheldentum. Wie kann man sich Mut machen, um gegen die Beschissenheit der Welt anzukämpfen? Wofür lohnt es sich zu kämpfen und mit welchen Mitteln? Wie verteidigen wir unsere Freiheit? Und wie kommt man mit der eigenen Ohnmacht klar? Mit der ?eigenen Wut auf die bestehenden Verhältnisse. Können sich Mo und Jonas vergeben? Lohnt es sich, für diese Freundschaft zu kämpfen? Kann man einen Vertrauensbruch überwinden? Wie geht Empathie? Wie lerne ich, dass es auch noch die Perspektive des Gegenübers gibt?
Man muss aber nicht das erste Stück gesehen haben, um dem zweiten folgen zu können.

 

Und wie würdest du den jungen ZuschauerInnen auf all diese Frage antworten? 

Jede Jugend trägt ja eigentlich die Kraft der Revolte in sich. Neues kommt aus der Jugend, bestehende Verhältnisse werden von ihr in Frage gestellt. Aber heute bleibt ihr irgendwie weniger Raum zur Revolte, weil auch die Revolte schon Teil des Systems ist. Es wird jede noch so kleine Regung aufgegriffen und sofort vermarktet. Levi’s Jeans stilisieren sich in ihrem Go-Forth-Werbetrailer zum Ausstatter der Jugendrevolte. »Your life is your life« heißt es da, und gezeigt werden demonstrierende, vermummte Jugendliche, erfinderische Jungerwachsene, eine kreative, weiße Mittelstands-Jugend. (Was nicht gezeigt wird, sind die vom Indigofärben verseuchten Flüsse in Indien, oder die Textilfabriken in Bangladesch mit ihren unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeitenden jugendlichen Näherinnen, die die Levi´s Jeans für die westliche Revoltejugend zusammenschneidern.) Wogegen soll diese Jugend noch aufbegehren, wenn nicht gegen ihre eigene Vermarktbarkeit. Da muss man schon wahnsinnig kreativ und schnell sein, um dem System einen Haken zu schlagen. Das geht digital am besten. Deshalb möchte ich auch digitale Medien in und um das Stück einbauen, bevor es Superheldenkostüme bei H&M zu kaufen gibt … Wir brauchen wieder Utopien. Her damit!
Kann man mit einem Superhelden-Alter-Ego der Welt anders begegnen? Verändert man die Welt ein kleines bisschen als Captain-KOMO? Ich glaube schon. Mein Traum wäre ein Superhelden-Flashmob vorm Theater.