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Die Räuber (I Masnadieri)

Bemerkungen zur Inszenierung

von Julie Paucker und Hans-Georg Wegner

 

In den letzten Monaten haben wir mit verschiedenen Vertreter-Innen des rechten bis rechtsradikalen politischen Spektrums in Thüringen und Ostdeutschland Gespräche geführt. Wir trafen uns mit NPD-Funktionären, Politikern der AfD, Privatpersonen und Aussteigern aus der rechtsradikalen Szene. Aus diesen Interviews sind Texte entstanden, die wir den Figuren aus Verdis »I Masnadieri« zugeordnet haben. 

Für die Figur der »Amalia«, die politisch eine Gegenposition zu Karl, Franz und den Räubern einnimmt, sprachen wir mit VertreterInnen des linken politischen Spektrums. Dem »Alten Moor« zugeordnete Texte stammen aus Gesprächen mit PolitikerInnen etablierter Parteien.

Wir befragten unsere GesprächspartnerInnen nach ihrem Verhältnis zum Staat, zu Deutschland, zur Demokratie, zu politischen Utopien, zu Zukunft und zu Gewalt – wir sprachen mit ihnen über ihre Ängste, Hoffnungen und Erfahrungen.

Das Libretto von Andrea -Maffei wird – ins Deutsche übertragen – fragmentarisch wiedergegeben. Mit Ausnahme eines Zitats aus einem Fernsehinterview stammen alle anderen Texte aus unseren Recherchen, die zwischen November 2014 und Januar 2015 stattfanden. 

Die Fotografien, die in der Inszenierung verwendet werden, stammen von Annette Hauschild und sind ebenfalls für diese Inszenierung aufgenommen worden, 2014 und 2015 in Thüringen. 

 

Schiller und Verdi

Dem Drama »Die Räuber« von Friedrich Schiller wurde immer wieder der Vorwurf gemacht, die Figuren seien nicht Menschen von Fleisch und Blut, sondern monströse Übertreibungen. Tatsächlich haftet all den Charakteren etwas holzschnitt-artig -Typisches an: Sie stehen für bestimmte Prinzipien. Schiller schrieb eine gefährliche Abhandlung über die Verlockungen von Macht und Gewalt, aber auch über die Motive, die zu gewalttätigen Ausbrüchen führen. Es ist eine Geschichte über gesellschaftliche Zustände, weniger eine Geschichte von Menschen und ihren seelischen Verwicklungen. Karl wird von der Familie ausgegrenzt und vom Vater (durch die Intrige seines Bruders Franz) verstoßen. Karl hat keine Heimat mehr. Franz, der andere Sohn, betreibt die Desintegration des vom Vater bevorzugten Bruders. Er entwickelt sich zum skrupellosen Taktiker, der die Macht des Vaters und das ganze Erbe will, und der die einzige Frau in der Handlung zur Liebe zwingen möchte. 

Eine zivilisierte heile Welt gibt es in dieser Erzählung nicht. Die »Heile Welt« erscheint nur in der unberührten Natur, die die Sehnsucht der Protagonisten nach Schönheit und Ruhe spiegelt. Die Räuber sind schon bei Schiller keine romantischen Robin Hoods. Sie sind eine extrem lustvoll zerstörerische Bande von gewaltbereiten Menschen, die keine Zukunft haben. Dennoch haben sie zu Beginn des Schillerschen Dramas noch Ideale, die die Brutalität ihrer Taten rechtfertigen sollen. Diese schleifen sich in der Praxis der Gewaltanwendung allerdings ab, bis schließlich am Ende die pure Destruktion um sich greift. Bei Verdi, bzw. seinem Librettisten Andrea Maffei, sind die Räuber von Anfang an als gewaltbereite Verbrecher gezeichnet. Es gibt kein positives Motiv, das ihre Taten begleiten würde. »Raub, Vergewaltigung, Brandschatzen und Mord sind unser Zeitverteib, ein riesiger Spaß«, so singen sie zu eingängiger Musik. Bei Verdis Räubern herrscht das zerstörerische Böse. Verdis Musik ist eine sehr eigene Interpretation des Schillerschen Dramas, wenn nicht sogar ein Kommentar in dem Sinne, dass Verdi den Entwürfen des jungen Schiller eigene Erfahrungen vom Ausgestoßensein, von Gewalt und Zerstörung hinzufügt. Zunächst fällt auf, dass er die Figuren im Vergleich zur Stückvorlage stark vereinzelt. Die Oper ist geprägt von solistischen Nummern. Die Momente des Missverständnisses bzw. des Aneinander-vorbei-Redens sind verstärkt. In ihrer Einsamkeit reflektieren die Personen das, was sie als Ausgestoßene und Unverstandene, aber auch als Kommunikationsunfähige erleben. Psychologische Entwicklungen komponiert Verdi nicht: Jede Situation steht für sich. Neben einzelnen Nummern der Introspektion stehen unvermittelt explosive Nummern. Die Einsamen, die Missverstandenen und die sich Missverstehenden, die in den Arien und Duetten ihren Schmerz auskosten – sie verschaffen sich Luft und Gemeinschaft in musikalischen Ausbrüchen, die die Gewalt herbeirufen und verherrlichen. Verdis »Räuber«-Musik feiert die Gewaltausbrüche.

 

Zur Konzeption

Verdi schafft einen Zusammenhang zwischen Vereinzelung/Kommunikationsunfähigkeit und extremen Gewaltausbrüchen, sowie zwischen Widerstand (Amalia) und politischem Machtanspruch (Franz). Gewalt ist das Grundthema dieser Oper – es ist ein Thema, das uns heute beschäftigen muss, genau so wie die Frage nach deren Ursachen und Auswirkungen. Mit der eingangs beschriebenen Vorgehensweise stellen wir einen direkten Bezug zu unserer Gegenwart her.

Gewaltbereitschaft gibt es heute hier in Thüringen im rechtsextremen Milieu; ebenso in Gruppierungen wie den Bandidos, den Hooligans und im linksextremen Bereich. Die Übergriffe auf AusländerInnen und Flüchtlingsheime sind in den letzten Monaten drastisch gestiegen. Demonstrationen mit fremdenfeindlichen Parolen sind an der Tagesordnung.

Aber auch im etablierten Mainstream ist sie vertreten, wenn man taktische Gewalt mitrechnet: Wie konnte der NSU so lange unentdeckt bleiben? Wie konnte ein rechtsextremer Untergrund, wie es ihn heute gibt, sich überhaupt in dem Ausmasse entwickeln? Was ist der Nährboden für diese Dynamik? Was hat es zu bedeuten, dass aktuell rassistische und fremdenfeindliche Äusserungen wieder salonfähig werden? Wie kann es sein, dass man sich als AusländerIn in einem Land wie Deutschland fürchten muss, bestimmte Orte überhaupt zu betreten?

Rechtsextremes Denken ist hier, wie an vielen Orten in Deutschland, stark präsent. Der jährlich erscheinende Thüringen-Monitor macht zwei Phänomene dafür geltend: Menschen, die wirtschaftlich nicht auf die Beine kommen, die »es nicht schaffen«, neigen zu rechtsextremem Denken. Ebenso gibt es einen Zusammenhang zwischen DDR-Nostalgie und Rechtsextremismus: Menschen, die durch den Zusammenbruch der DDR real oder vermeintlich eine Degradierung / Demütigung erfahren haben, haben eine Aversion gegen die neue Demokratie und sind »anfällig« für rechtes Gedankengut. 

In Verdis »Räubern« werden beide Emotionen ausgiebig zelebriert: Die Nostalgie nach der Vergangenheit ebenso wie das Gefühl des Gedemütigt-Seins. Fast ausnahmslos äussern die Protagonisten ihren Wunsch, die bestehenden Verhältnisse zu zerstören.