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Der Rosenkavalier

Zur Konzeption des „Rosenkavalier“

Regisseurin Vera Nemirova im Gespräch mit Kathrin Kondaurow

    

Kathrin Kondaurow: Was ist das Kernthema des »Rosenkavalier«?

Vera Nemirova: Es sind die Vergänglichkeit, die Liebe und die Zeit, die fließt. Das klingt jetzt vielleicht etwas abstrakt, doch werden diese Aspekte sehr konkret und fassbar, wenn man sie mit den Schicksalen und verschiedenen Lebensentwürfen der einzelnen handelnden Personen verbindet. Wir haben auf der einen Seite die Marschallin und Baron Ochs als Repräsentanten der älteren Generation. Auf der anderen Seite stehen die Jungen: Sophie und Octavian. Wurde die Marschallin noch in den »heiligen Ehstand kommandiert«, so wehrt sich Sophie heftig gegen die geplante Zwangsheirat. Wenn die Marschallin die Zeichen der Zeit und des Älterwerdens an sich bemerkt, muss sie sich entscheiden, den viel jüngeren Octavian loszulassen.

 

Gibt die Marschallin sich im Laufe der Oper auf? 

Nein, im Gegenteil, die Marschallin zeichnet gerade ihre Stärke aus. Nur mit sehr viel Kraft kann man in der Lage sein, so etwas zu tun, das Liebste wegzugeben, darauf zu verzichten zugunsten einer anderen, jüngeren Frau. Sie ist darin überlegen und dennoch – es fällt ihr wahnsinnig schwer. Es wird immer so leicht gesagt, dass sie so erhaben ist, aber sie ringt eigentlich bis zum Schluss mit sich, bis zum Terzett, wo sich dann »in Gottes Namen« alles auflöst in Musik.

Welche Paarkonstellationen gibt es, wie entwickeln sie sich und was bedeuten sie? Sind Sophie und Octavian das ideale Paar? 

Nein, das sind sie nicht. Aber, es ist ein Paar, das aus der -Situation und Gegebenheit heraus entsteht, sich gegen die Generation der Älteren und ihre rücksichtslosen Pläne zu schützen. Wir sehen zu Beginn ein ungleiches Paar, die Marschallin und Octavian, im Liebesakt. Da gibt es noch Sinnlichkeit. Das vorhersehbare Ende dieser Beziehung ist der Marschallin jedoch bewusst, deshalb findet sie einen Weg, Octavian in die Freiheit zu entlassen, was sie durch ihren Zeitmonolog belegt. Das Auftauchen von Baron Ochs provoziert einen Einschnitt, der für den gesamten Lauf der -Geschichte entscheidend ist. Als Ochs mit seiner prallen Lebenslust in das Reich der Marschallin hineinpoltert, wird sie sich bewusst darüber, dass sie ihre Liebe nicht weiter wird ausleben können, so wie er es tut. In diesem Sinne spiegelt sie sich gewissermaßen in Ochs. Sie bestimmt durch die Idee der -Rosenübergabe Octavians weiteren Lebensweg. 

 

Welche Rolle spielt es, dass Octavian von einer Frau gespielt wird?

Zunächst einmal ist es einfach nur eine theatrale Verabredung, eine Hosenrolle. Darüberhinaus finde ich es gerade wichtig, dass die Sinnlichkeit einer Frau diesen relativ schwachen männlichen Charakter von Octavian prägt und zeichnet. Octavian ist jemand, der die starken Frauen braucht, um sich zu profilieren. Gleichzeitig ist Octavian noch sehr jung, fast noch pubertär. Eine Lebensphase, in der die Unterschiede zwischen den Geschlechtern noch verwischt scheinen.

 

Ist Ochs ein Sympathieträger? Ist er der Verlierer des Stücks?

Strauss und Hofmannsthal wollten ja zunächst das Stück nach ihm benennen, hätte Strauss nicht eine so dominante Frau gehabt, die dagegen war… Die Figur des Ochs ist auf jeden Fall ein Sympathieträger. Ochs mit seiner lebensbejahenden, virilen Art, geprägt von Lust und Direktheit, finde ich geradezu entwaffnend. Aber so jemand hat keinen Platz in dieser Gesellschaft und wird am Schluss vertrieben. Dennoch bemächtigen sich die Menschen seiner Melodien, seiner Scherze, denn sie brauchen ihn als Quell von Lebensenergie. Aber sie grenzen ihn zugleich aus. Am Ende, wenn Ochs geht, bleibt eine Leerstelle zurück. Jedoch steht er weder bei Hofmannsthal selbst, noch in unserer Deutung als Verlierer da – im Gegenteil, das Ochssche Lebensprinzip hat eine Chance zu überleben. 

 

Strauss und Hofmannsthal siedeln ihre Oper in einem fiktiven Wien unter der Regentschaft Maria Theresias, also um 1740, an. Sie verstehen diese historisierende Folie als Mittel, um gegenwärtige soziale Verhältnisse zu skizzieren. Wo siedelst du die Handlung an? Und welche Konsequenzen hat das für die Gesellschaft und die einzelnen Figurenkonstellationen?

Strauss und Hofmannsthal schrieben ihr Stück 1911, so dass man bereits die Krise und den unmittelbar bevorstehenden -Ersten Weltkrieg spürt. Die Katastrophe bahnt sich an, der Untergang einer heilen Welt, der Abschied einer Epoche naht. Diese Nostalgie durchzieht das gesamte Stück. Heute glaubt man sich fast an demselben Punkt, betrachtet man die Brandherde weltweit: Der Kontinent taumelt erneut, es entsteht eine Analogie zwischen 1914 und 2014. Insofern finde ich das Stück sehr aktuell, obwohl man gemeinhin glaubt, es sei rückwärtsgewandt. Das ist es nicht. Da es zwar nie direkt über Politik spricht, aber ständig anhand der Figuren zeigt, was Lebensumstände mit ihnen machen, wird es schon wieder sehr gesellschaftlich. 

Auf den ersten Blick scheint es ein Boudoirstück zu sein, das ausschließlich in privaten Gemächern spielt. Dennoch ist immer eine Gesellschaft dabei, eine Gemeinschaft von außen, die in das Boudoir hineinguckt. Die Menschen darin haben keine Privatsphäre, keine Intimität, keine Geheimnisse. 

Sei es das Lever bei der Marschallin, wo das Aufgebot von Bittstellern beinahe an ihrem Bett aufwartet. Sei es die Gesellschaft bei Faninal, die einer voyeuristischen Gemeinschaft gleicht, von der sich Faninal verfolgt fühlt und die im dritten Akt den scheinbaren Skandal aufdeckt. 

Im gesamten Stück wird man immerzu beäugt und belauert von einer sensations- und skandalgierigen Gesellschaft und der Presse, die mit den zwei Figuren Valzacchi und -Annina in Erscheinung tritt.

 

Von Hofmannsthal gibt es einen Aufsatz »Die Ironie der Dinge«, in der er aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs heraus seine Komödientheorie entwickelt, die »alles in ein Verhältnis der Ironie« setzt. Gibt es im »Rosenkavalier« Ironie?

Es handelt sich mit Sicherheit um eine handfeste Komödie, allerdings um eine böse. Eine sehr hintergründige, von Ironie durchzogene, traurige Komödie. 

 

Inwiefern greift Strauss die Ironie in seiner Musik auf?

Die Figuren nehmen musikalisch aufeinander Bezug, zitieren und karikieren einander. Die Walzer bzw. die Walzerzitate sind ironisch gebrochen, gleichzeitig sind sie der Motor des Stückes. Man hat fast das Gefühl, alles dreht sich im ¾-Takt und den Figuren schwankt der Boden unter den Füßen.

 

Strauss wurde ja vorgeworfen mit seinem »Rosenkavalier« ein reaktionäres Werk geschrieben zu haben. 

Nach seinen beiden avantgardistischen Opern Salome und Elektra könnte der Rosenkavalier so wirken. Das scheint aber nur so. Gerade wenn man in Zeiten der Krise den wunden Punkt aufzeigt und noch einmal das thematisiert, was die Menschen wirklich brauchen, nämlich Unterhaltung, dann deckt man die Krise erst recht auf. Ich finde diesen Weg von Hofmannsthal und Strauss darum durchaus hintergründig.

 

In der Rezeptionsgeschichte des »Rosenkavalier« kursiert der versteckte Vorwurf, das Stück sei resistent gegen das sogenannte Regietheater, hätten doch Strauss und Hofmannsthal alle Vorgänge akribisch eingeschrieben, sogar ein beispielhafter Bühnenentwurf und Figurinen von Alfred Roller sind erhalten. Wie gehst du damit um?

Von solchen Postulaten muss man sich frei machen. Mich interessieren ausschließlich die lebendigen Charaktere, die nur so sein können, wie wir sie jetzt, heute und hier entwickeln –  mit unseren Sängern. Und es ist meine Aufgabe, bestimmte Chiffren und Dinge, die man heute nicht mehr so verstehen würde, in eine heutige Bildsprache zu übersetzen. Das Regietheater kann ja auch eine Fessel sein genauso wie die sogenannte Werktreue.