20 | 11 | 17

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Maria Stuart

„Ermorden lassen kann sie mich, nicht richten!“

Essay von Beate Seidel und Nora Khuon

Das Thema

Zwei Königinnen treffen aufeinander: »Gegend in einem Park. Vorn mit Bäumen besetzt, hinten eine weite Aussicht.« Nichts Äußerliches suggeriert in der formal virtuos gesetzten Mitte, dem Höhepunkt von Schillers Trauerspiel, das Wortduell der beiden Protagonistinnen. Ganz im Gegenteil – Natur, Weite, Freiheit sind der Schauplatz, auf dem Schiller die Begegnung der beiden Königinnen stattfinden lässt und inszeniert damit einen größtmöglichen Kontrast zur Verfasstheit seiner Figuren. »Maria Stuart« präsentiert sich als ein Drama um Machterhalt, Verlustängste und verlorene Ideale. 

In diesem Drama schreibt sich Schiller ein weiteres Mal die Enttäuschung über das Scheitern der Französischen Revolution und ihre Verwandlung in ein Schreckensregime von der Seele. Was im Frankreich des Jahres 1789 mit hochfliegenden Idealen begann, endet 15 Jahre später in Willkür und Brutalität. Als abscheuliches Geschäft entpuppt sich die politische Haupt- und Staatsaktion, die er uns auf der Bühne zeigt. Seine Protagonisten sind zwar Gefangene des Systems, aber sie sind keine Opfer. Alles dreht sich um ihren unstillbaren Hunger nach Macht und die Verwüstungen, die er in Geist und Seele der Beteiligten anrichtet. Schiller versammelt hierzu ein Ensemble, das keineswegs blind, dafür aber gierig ist. Und frei von Idealen. Das sind geschickte Diplomaten, politische Strategen, die auf dem öffentlichen Parkett zu Hause sind. Shrewsbury proklamiert gegenüber Elisabeth, dass man nicht sagen soll, »dass in deinem Staatsrat/Die Leidenschaft, die Selbstsucht eine Stimme/Gehabt, nur die Barmherzigkeit geschwiegen.« Sein Credo lautet: Nur ein gerechter, humaner Staat gewährt Stabilität. Burleigh dagegen verfolgt den Tod der Maria, denn nur der gewährleistet, so behauptet Burleigh, Elisabeth ein sicheres Leben und dem Reich »blühende Zeiten«. Leicester treibt diese Argumentation sogar auf die Spitze, wenn er sagt: »Ihr Leben ist dein Tod! Ihr Tod dein Leben!« Das Wohl der Königin und damit des Staates scheint im Zentrum der politischen Debatte zu stehen. Denn die Gegenseite, personifiziert im jungen Religionskrieger Mortimer, verfolgt den Umsturz der Verhältnisse. Die gerechte, d.h. Gott gewollte Thronfolge will Mortimer wiederhergestellt sehen. Maria muss, denkt er, auf dem englischen Thron sitzen, koste es, was es wolle. Es sind mit hohem Druck verfolgte Ziele, die Staatsräte und Aktivisten hier antreiben. Doch hinter all diesen so lautstark am Wohl der Gesellschaft orientierten Ideen, der so sehr berechtigten Sorge um Land und Glauben, steht ein egoistisches Interesse. Die Lust, sich selbst den Platz an der Macht zu sichern, ist dabei ebenso Antrieb, wie die öffentlich proklamierte Verantwortung für einen prosperierenden Staat. Denn Schillers Figuren leben in einer Gesellschaft, in der Machtkonflikte mit ihren Konsequenzen von Fall und Aufstieg und der damit verbundenen permanenten Gefährdung der eigenen Position zur persönlichen Erfahrung gehören. Das gilt allen voran für Elisabeth, die vom eigenen Vater der Thronfolge enthoben wurde, nachdem er ihre Mutter wegen angeblichen Ehebruchs hinrichten ließ. Später vom Parlament wieder eingesetzt, wird Elisabeth aufgrund ihrer Geburt in der katholischen Welt als Bastard wahrgenommen, da ihr Vater Heinrich VIII. ihre Mutter geehelicht hat, ohne die päpstliche Einwilligung zur Scheidung von seiner ersten Ehefrau erhalten zu haben. Die Trennung der englischen von der römisch-katholischen Kirche ist eine der Folgen dieses Machtstreits zwischen Papst und englischem Königtum.

 

Die Historie

Wir befinden uns in der Zeit der Religionskriege: unter den letzten vier Herrschern Englands hat das Land viermal die Konfession gewechselt. Elisabeths Vorgängerin Maria (auch die Blutige genannt), eine eifrige Katholikin, die nicht bereit ist, das Vermächtnis ihres Vaters, Heinrich VIII., fortzusetzen, kehrt in den Schoß der heiligen Kirche zurück und lässt etliche Protestanten hinrichten. Die Bartholomäusnacht, in der große Teile des protestantischen Adels in Frankreich hingemetzelt worden sind, liegt nicht lange zurück. Elisabeth wiederum, die nach Maria der Blutigen die Macht übernimmt und ihren protestantischen Glauben nie ganz aufgegeben hat, erlässt, sobald sie gekrönt wird, Gesetze und Geldstrafen gegen diejenigen, die nicht den von nun an staatlich sanktionierten protestantischen Gottesdienst besuchen. Europa ist geteilt. Das Misstrauen auf katholischer wie auf protestantischer Seite ist groß. Zu viele Pfründe sind auf beiden Seiten der Glaubensfront gefährdet. Aber wer nur den Glauben unter Beschuss sieht, ist naiv. Macht und Herrschaftshunger verknüpfen sich mit der Religionszugehörigkeit und entscheiden über Erfolg oder Untergang. 

Doch zurück zu Elisabeth: Misstrauisch und allein steht sie in der Welt: Sie hat die Mutter auf dem Henkersblock verloren. Heinrich VIII war ihr alles andere als ein loyaler Vater und Herrscher. Nun, da sie endlich auf dem Thron sitzt, ist sie umzingelt von katholischen Mächten, die um ihren Sturz wetteifern. Aber nicht nur die Herrschaft, auch ihr eigener Körper sind permanenter Gefährdung ausgesetzt. Beharrlich verweigert sie sich der diplomatisch heiß ersehnten Eheschließungen, um ihre Freiheit nicht noch weiter eingeengt zu sehen. Angst vor dem Abstieg, vor möglichen Umwälzungen und -daraus erwachsende Unsicherheit sind ihre prägenden Erfahrungen. Und diese teilt sie mit der ganzen Gesellschaft. Um sich zu behaupten, muss Elisabeth geschickt sein, wissen, wann sie Entscheidungen hinauszögern kann und wann sie unbedingt handeln muss. Sie muss sich als Königin des Volkes gerieren und zugleich zu einer Ikone stilisieren, die über alle Kritik erhaben ist.

Und wie ergeht es der internierten Königin von Schottland? In der von Schiller konstruierten fiktiven Begegnung mit Elisabeth im dritten Akt atmet sie seit langem das erste Mal die Luft der Freiheit. Sie ist als Flüchtling nach England gekommen. In ihrem Land des Gattenmords verdächtigt, des Throns enthoben und vom protestantischen Adel verfolgt, wird sie jedoch, kaum auf der Insel angekommen, festgesetzt. Man fürchtet ihre Ansprüche auf den englischen Thron. Maria ist als Katholikin und Urenkelin des englischen Königs Heinrich VII. ohne Frage für die protestantische Regentin Elisabeth I. eine Bedrohung. Vor Jahren hat sie sich geweigert, eine Verzichtserklärung auf die englische Krone zu unterschreiben. Ihre Sehnsucht, England und Schottland »unterm Schatten / Des Ölbaums frei und fröhlich zu vereinen«, ist wörtlich zu nehmen. Doch wie weit geht ihr Verlangen? Ist es nur eine politisch durchaus legitime Forderung, sich nach Elisabeth in die Thronfolge einzureihen, oder strebt sie, wie ihr angelastet wird, eine brutale Absetzung der »Schwester« an und instrumentalisiert dafür das katholische In- und Ausland? 

Marias Geschichte ist weniger von den drückenden Erfahrungen Elisabeths geprägt. Als Sechsjährige gelangt sie an den französischen Hof, um die Gattin des zukünftigen französischen Regenten zu werden. Sie genießt eine glückliche Kindheit und Jugend, die ihre Verbindung zum Katholizismus stärken. Ihr Onkel, der Kardinal von Guise, wird für sie zur prägenden Figur. Maria wächst auf in einer Atmosphäre, die Shrewsbury im Drama folgendermaßen beschreibt: »Ein zartes Kind
/ Ward sie verpflanzt nach Frankreich, an den Hof / Des Leichtsinns, der gedankenlosen Freude.« Im Gegensatz zu Elisabeth scheint sie wirkliche Freiheit kennengelernt zu haben. Stolz und unbeirrbar, nicht vom täglichen Kampf um Amt und Status besorgt, lebt sie ein freies Leben, bis ihr Ehemann stirbt und sie die Rückreise in das ihr inzwischen völlig fremde Schottland antreten muss. (Ihre Schwiegermutter Katharina de Medici will sie nicht länger als Konkurrentin neben sich dulden.) In Schottland erfährt sie prompt die Härte im Ringen um die Krone. Und immer ist der Kampf um die Herrschaftsmacht zugleich geknüpft an den Kampf um den wahren Glauben. Zwei Hochzeiten folgen, die Geburt ihres Sohnes Jakob, der später ihr Ansinnen, England und Schottland zu regieren, in die Tat umsetzen wird. Immer wieder muss sie fliehen und sich in Schlachten gegen die von Elisabeth geförderten Protestanten werfen, bis sie in einer selbst verschuldeten, ausweglosen Situation Schottland als gestürzte Königin verlassen muss und England erreicht. Damit bringt sie Elisabeth, wie der Literaturhistoriker Christian Grawe bemerkt, »in eine höchst prekäre Situation.« Da Elisabeth den protestantischen Kurs von Marias Gegnern in Schottland unterstützt, ist sie nicht daran interessiert, die katholische Königin heimkehren zu lassen. Weiterreisen darf Maria nicht, da sie in Frankreich antienglische Politik aktivieren könnte. Aber im eigenen Land kann Elisabeth die schottische Königin auch nicht behalten, weil Maria sich anmaßt, wie Elisabeth rechtmäßige Königin von England zu sein, und ihre Gegenwart eine Aufforderung an den katholischen Adel des Nordens ist, sie auf den englischen Thron zu setzen und den Katholizismus wieder einzuführen. Was tun? Elisabeth wartet ab, lässt die Gegnerin von einem Gefängnis ins nächste wandern, sieht Befreiungs- und Putschversuchen zu, wartet und zweifelt weiter, bis ihr Parlament Maria des Hochverrats schuldig spricht und auf eine Ratifizierung des Urteils dringt, um endlich Ruhe im Staat herzustellen.

 

Die dramatische Konstellation

Schillers Stück beginnt genau an dieser geschichtlichen Schnittstelle und lässt mit der Historie im Gepäck Maria und Elisabeth aufeinander treffen. Eine Begegnung, die (wie bereits gesagt) in der Realität nie stattgefunden hat. Wären es nur zwei Politikerinnen, die sich hier in die Augen blickten, wäre das theatrale Potential längst nicht ausgereizt. Aber Schiller lässt nicht nur zwei Königinnen, sondern auch zwei Frauen aufeinander treffen, die ihr Leben nach gegensätzlichen Prinzipien gestalten und ihr Glück zudem beide an ein- und denselben Mann geknüpft haben. Konkurrentinnen sind sie damit auf jedem erdenklichen Feld: der Politik, der Religion, der Weiblichkeit, der Erotik und dem Begriff von Regentschaft. In nichts sind sich die beiden gleich, immer wählen sie eine gegenteilige Strategie. Es ist also ein höchst explosives Gemisch, das Schiller dem Höhepunkt seines Stückes beimischt. Kein Wunder, dass diese Begegnung nicht mit Vergebung oder Verständigung enden kann: Elisabeth fasst kein Vertrauen in Maria: »Gewalt nur ist die einzge Sicherheit, / Kein Bündnis ist mit dem Gezücht der Schlangen«. Und Maria, der jegliche Demut oder Unterwerfung fremd sind, besiegelt ihr eigenes Todesurteil und schleudert der verwandten Fürstin voller Hass entgegen: »Der Thron von England ist durch einen Bastard / Entweiht, der Briten edelherzig Volk  / Durch eine list’ge Gauklerin betrogen. / Regierte Recht, so läget Ihr vor mir / Im Staube jetzt, denn ich bin Euer König.«

 

Entstehung

Schiller beschäftigt sich erstmals kurz nach »Kabale und Liebe« mit dem Schicksal der beiden Königinnen. Das Besondere bei der Gestaltung des Stoffes war für ihn, »dass man die Katastrophe gleich in den ersten Szenen sieht, und – indem die Handlung des Stückes sich davon wegzubewegen scheint – ihr immer näher und näher geführt wird.« (Schiller) Alle Aktionen innerhalb des Dramas, die eine Wendung der Geschichte, also Marias Rettung, erhoffen lassen, bewirken das Gegenteil und führen sie dem Schafott nur ein Stückchen näher. Das Treffen der Königinnen scheitert. Die beiden Ladies verbeißen sich ineinander wie zwei Fischweiber. Mortimers Versuch, Maria zu befreien, mündet in eine Fastvergewaltigung der Gesalbten und führt zu nichts. Leicester, der seine alte Beziehung zu Maria wieder auffrischt, weil Elisabeth in aussichtsreichen Hochzeitsverhandlungen mit den Franzosen steht (die natürlich ins Leere laufen werden) sucht erneut das Bündnis mit der nun gefangen gesetzten Maria. Seine Intrige fliegt beinahe auf, und er verleugnet alles, was er getan hat.

Doch zunächst legt Schiller das begonnene Drama zur Seite und kehrt erst 16 Jahre später, 1799, nach dem Abschluss der »Wallenstein«-Trilogie in diesen Kosmos zurück. Während der Arbeit an dieser Tragödie eignet er sich das notwendige In-stru-mentarium an, mit dem man wirkungsvolles Theater machen kann. Formal ist das Drama nahezu vollkommen, sein Aufbau unterliegt völliger Symmetrie und Balance und ist (laut Schiller) der antiken Tragödie nachempfunden – er bedient sich der »euripidischen Methode«, was meint, dass das Drama analytisch vergangene Schuld im Moment der Handlung zur Wirkung bringt. Jedoch sucht der Text thematisch keineswegs nach Harmonie: Reibung, Widersetzlichkeit, unversöhnliche Gegensätze schafft Schiller durch die Konfrontation seiner beiden Königinnen. Es sind nicht nur zwei Konfessionen, die hier vertreten werden, sondern zwei Lebens- und Regierungsprinzipien. Auf der Seite Elisabeths findet sich der Arbeitsethos, der das Amt und die Verpflichtung gegenüber dem Volk über alles stellt. Die eigenen Bedürfnisse werden zurückgedrängt, und die königliche Pflicht allein gilt als moralischer, menschlich wertvoller Leitweg. Während auf der anderen Seite Maria, die Katholikin, impulsiv ihrer Natur folgt. Auf uneingeschränkte Selbstverwirklichung bedacht lebt sie ihre Leidenschaften aus. Das Volk und das Wohl des Staates sind für sie gar keine Kategorie. Die Berechtigung ihrer Regentschaft ist auf ihre Person gegründet. Selbst im großen Moment der Begegnung mit Elisabeth, in dem es nur der diplomatischen Unterwerfung bedürfte, treibt sie persönlicher Hass und Stolz an und vernichtet jegliche Chance auf Begnadigung. Elisabeth ganz Amt, Maria ganz Mensch? Nein, ganz so einfach macht es Schiller dem Zuschauer nicht. Denn auch Elisabeth treiben persönliche Motive und private Eifersucht. Sie verkalkuliert sich, gerät ins Schlingern. Und Leicester: von Elisabeth geliebt, von Maria benutzt, wird zum erotschen Streitfall, der beider Weiblichkeit bemessen soll. -Elisabeth, das Joch des Amts, auf den Schultern, neidet der Rivalin ihr »aufregendes« Leben, das aus ihrer Sicht nie von Kalkül bestimmt war, während sie selbst sich die Pflicht der Landesherrin und der Vernunft auferlegte und ihre Natur und damit auch einen Teil des Frauseins unterdrückte. Doch wer dankt ihr das Pflichtbewusstsein? Elisabeth wird bitter, wenn sie die kühle Erotik ihrer Intelligenz vergleicht mit der Sinnlichkeit Marias: »Der Stuart ward’s vergönnt, / Die Hand nach ihrer Neigung zu verschenken; / Die hat sich jegliches erlaubt, sie hat / Den vollen Kelch der Freuden ausgetrunken. / Sie hat der Menschen Urteil nichts geachtet. / Leicht wurd’ es ihr, zu leben, nimmer lud sie / Das Joch sich auf, dem ich mich unterwarf. / Hätt’ ich doch auch Ansprüche machen können, / Des Lebens mich, der Erde Lust zu freun, / Doch zog ich strenge Königspflichten vor. / Und doch gewann sie aller Männer Gunst, / Weil sie sich nur befliss, ein Weib zu sein. / So sind die Männer. Lüstlinge sind sie alle! / Dem Leichtsinn eilen sie, der Freude zu / Und schätzen nichts, was sie verehren müssen.« Für Elisabeth verkörpert Maria Freiheit – selbst im Gefängnis, da sie sich nichts und niemandem unterwirft. Und tatsächlich präsentiert Schiller uns eine unabhängig denkende, angstfreie Maria, die Burleigh und Paulet klug ins Verhör nimmt und für die die Aussicht, tatsächlich unter dem Henkersbeil zu enden, die ganze erste Hälfte des Dramas noch nicht einmal im Gedanken existiert. Die Drastik der Situation, die eigene Gefährdung unterschätzt sie aufs Gröbste. Zu absurd ist der Gedanke, dass das heilige Gesetz, welches die Königin legitimiert, von Menschenhand angetastet werden kann. Nicht denkbar scheint ihr, dass ein weltliches Parlament, das noch nicht einmal aus Personen ihres Standes besteht, sie dem Tod preisgeben könnte. Die bis dahin unangefochtene -Unantastbarkeit des königlichen Körpers nimmt mit dem Todesurteil über die schottische Königin sein geschichtliches Ende und führt geradewegs zur Köpfung des französischen Herrscherpaares Louis XVI. und seiner Gattin Marie Antionette während der Französischen Revolution 1793. 

Schiller spiegelt die Situation der Erzfeindinnen geschickt: Elisabeth, die die Macht hat über Leben und Tod zu bestimmen, verzagt in Angst, während Maria, in Gefangenschaft, furchtlos an die eigene Macht glaubt. Genau das macht Maria zur Gefahr. Denn sie beharrt auf ihrem Rechtsanspruch, auf ihrer Rolle als einer von Gott eingesetzten Monarchin. 

Wo Macht nicht mehr nur ausgeübt werden kann, wo es keine Übereinkunft mehr gibt, endet der Kampf um ihre Erhaltung im Gewaltakt. Ob dieser jedoch machtstabilisierend oder -demontierend wirkt, ist die große Frage, die Elisabeth umtreibt. 

 

Der fünfte Akt

Im letzten Akt zeigt Schiller uns eine im Angesicht des Todes gewandelte Maria. Das sogenannte »Seelendrama« nimmt seinen Lauf. Maria bekehrt sich selbst zur Demut. Geläutert und gereinigt, der Elisabeth vergebend, schreitet sie – vom Zuschauer als unschuldig erkannt – zum Henkersblock, während Elisabeth von allen Räten und – am schmerzlichsten – auch von dem Geliebten Leicester verlassen, zurückbleibt. 

Aber nicht nur Maria gewinnt an tragischer Größe. Gewalt und das ihr innewohnende Unrecht provozieren auch auf der Seite der Henker – Leicester und Shrewsbury – eine ethische Neuausrichtung. Doch entspricht das unserer Wirklichkeitserfahrung? Legen Minister moralisch geläutert ihre Ämter nieder im Angesicht eines Unrechtsstaates? Ist das wünschenswert? Oder ist es nicht ebenso legitim, sich tätig in die Verhältnisse zu einzubringen? Lässt ein Opportunist und Karrierist vom Schlage Leicesters alles alternativlos hinter sich, um ein neues Leben zu beginnen, weil er mitschuldig geworden ist am Tode einer Unschuldigen? Weicht im Angesicht des Todes die Angst und ziehen göttliche Ruhe in den Geist des Todgeweihten ein? 

Die Inszenierung wählt eine andere Perspektive auf die Geschehnisse des fünften Aktes. Nicht Marias Wandlung hin zur Einigkeit mit sich und der Welt geraten in den Fokus – im Gegenteil. Marias Kraftreserven sind aufgebraucht. Die Angst übermannt sie im Augenblick der Todesnähe. Ihr Wille zum Leben weicht keineswegs einer religiösen Verklärtheit; ihr Widerstand gegen das Urteil bleibt bis zu ihrer endgültigen Vernichtung bestehen. Und wie verhält es sich mit dem Staatsrat? Äußerlich vollzieht sich kaum ein Bruch. Den Ministern gehen im Augenblick des Urteilsvollzugs nicht die Augen auf, und sie stellen sich auch nicht gegen das so lange gestützte System – aus der plötzlichen Einsicht heraus, dass man diesem Unrechtsstaat die Beteiligung verweigern müsse. Trotzdem hinterlässt die Schuld ihre Spuren. Shrewsbury steigt aus dem Politikgeschäft aus, Burleigh zieht sich zurück und wartet auf seine Zeit. Und Leicester? Das Schiff nach Frankreich wird er diesmal jedenfalls nicht nehmen.  

Das Vertrauen in faires politisches Handeln ist zerstört. -Elisabeth hat sich Raum verschafft. Der Preis, den sie dafür bezahlt hat, war hoch. 

Über die dreißig folgenden Herrschaftsjahre verliert Schiller kein Wort. Bei ihm bleibt eine einsame Königin zurück. Der Glauben an die moralische Handlungsfähigkeit des Menschen rückt in weite Ferne.