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Die Fledermaus

Lass die Maske endlich fallen – Rollenspiele in der Fledermaus

von Kathrin Kondaurow

Die Fledermaus ist eine echte Operette. Keiner scheint der zu sein, der er wirklich ist, niemand das zu tun, was er in Wahrheit tut. Das gesamte Stück wird geprägt von Sehnsüchten, Rollenspielen und Maskeraden – eine Operetten-Welt zwischen Schein und Sein, eine verrückte Gegenwart, die versucht, dem bürgerlichen Alltag zu entkommen, ihn zu konterkarieren. 

Wir erleben eine Gesellschaft, die sich gegenseitig etwas vorspielt, etwas verheimlicht, voreinander etwas zu verbergen sucht – um die Fassade zu wahren, in höhere Kreise aufzusteigen oder sich dort behaupten zu können.

Ausgerechnet die erste Person, die uns singender Weise in diesem Stück begegnet, ist jedoch zunächst einmal echt. Auf dem -Theater steht ein (Berufs-)Sänger, ein echter Tenor, der Sänger Alfred. Ihn verbindet mit Rosalinde eine alte Liebschaft, die er nun aufzufrischen gedenkt – die Gefängnisstrafe ihres Gatten, Gabriel von Eisenstein, kommt ihm daher wie gerufen, um Rosalinde ihre Strohwitwenzeit zu versüßen. Doch statt eine Liebes-nacht mit ihr zu verbringen, muss er für ihn ins Gefängnis. Gekleidet in Eisensteins Bademantel und Hauspantoffeln hält er den Schein vor Gefängnisdirektor Frank aufrecht, um Rosalinde nicht in Verlegenheit und Erklärungsnot zu bringen. Alfred spielt das Spiel mit und geht am Ende doch leer aus – mehr als einen Kuss und eine Nacht hinter Gittern hat das so verheißungsvoll angelaufene Rendezvous mit Rosalinde nicht gebracht.

Anders steht es um Adele, Angestellte im Hause Eisenstein. Sie ist die Gewinnerin des Abends, kann das gesamte Possenspiel zu ihrem Vorteil nutzen und ihre Karriere anschieben, strebt sie doch den Beruf der Künstlerin an – ihre Schwester Ida macht es ihr bereits erfolgreich vor. Gleich zu Beginn des ersten Akts beklagt sie ihr Schicksal mit »Ach, warum schufst du, Natur, mich zur Kammerjungfer nur?« und wünscht sich nichts sehnlicher, als den Ball Orlovskys besuchen zu dürfen. In der Ballgarderobe Rosalindes wird sie dort als angehende Künstlerin Olga vorgestellt und weiß sich, nicht nur Eisenstein gegenüber, zu behaupten. Sie vollzieht bewusst einen sozialen Rollenwechsel, indem sie aus der Angestelltenposition in die einer Dame von Welt wechselt und mit »Mein Herr Marquis« Eisenstein in aller Öffentlichkeit unehrenwertes Verhalten vorwirft und ihn bloßstellt. Gleichzeitig findet sie Gefallen am Spiel im Spiel, ihr schauspielerisches Können – nicht zuletzt mit dem betont facettenreich komponierten Couplet »Spiel ich die Unschuld vom Lande« – überzeugt sie sich selbst, über einen geeigneten Mäzen eine Ausbildung zur Künstlerin beginnen zu müssen und damit ihren sozialen Aufstieg vorzubereiten.

Exkurs: Das Metier der Künstlerin war im Wien zur Jahrhundertwende ein äußerst lukrativer Beruf, war er doch an die Sympathie und Gönnerhaftigkeit der höchsten aristokratischen Kreise gebunden, die allerdings nicht nur auf künstlerischem, sondern auch auf erotischem Interesse basierten, so dass viele Operettendarstellerinnen sexuelle Beziehungen zu ihren Mäzenen unterhielten und damit gewissermaßen als Edelkurtisanen bezeichnet werden können. »Man kann angesichts des ›Connex‹ zwischen den Damen des Theaters und ›gewissen Logen‹ davon ausgehen, dass die Bühnen in Wien auch als eine Art singendes und tanzendes Edelbordell genutzt wurden. Schließlich waren Wien, München, Neapel und Paris die verrufensten Städte der Welt.« (Kevin Clarke)

Der Gehörnte des Stücks ist Gabriel von Eisenstein. Er, der Inbegriff der Bürgerlichkeit seiner Zeit, der Verlierer des Wiener Börsenkrachs, führt vor, wonach sich alle im Publikum sehnen – verdrängen, vergessen, sich vor Verantwortung drücken. Vor Gericht wird er für Beamtenbeleidigung verurteilt – seine achttägige Gefängnisstrafe sucht er hinauszuzögern und am Ende gar ganz zu umgehen. Da kommt die Einladung von Dr. Falke zum Ball Orlovskys gerade recht. Das Vergnügen lockt in eine Scheinwelt, in die er als Marquis Renard (deutsch: Fuchs) eingeführt werden soll. Es ist beinahe schon Ironie, wenn Strauß’ Librettisten ihn so bezeichnen, denn der Fuchs ist ein in der Fabelwelt als listig und schlau attribuiertes Tier. Eisenstein weiß sich zwar auf dem Fest zu bewegen und seine Rolle zu spielen, allerdings kann er sich diesen Vorteil – vor allem bei den Damen – nicht in dem Maße zu nutze machen, wie er gern wollte. Denn die Festgesellschaft scheint sich vor allem auf seine Kosten zu amüsieren – sei es, wenn er Orlovsky bei dessen Couplet »Ich lade gern mir Gäste ein« exzessiv zutrinken muss, oder Adele ihn wegen vermeintlicher Verleumdung vorführt. Pikant ist nicht zuletzt die Bekanntschaft mit der ungarischen Gräfin alias Rosalinde, an die er seine Uhr, den sogenannten »Rattenfänger«, mit der er gewöhnlich Damen anflirtet, abtreten muss – zum späteren Beweis seiner Untreue. 

Den Höhepunkt der Verwirrung und Maskerade erleben wir jedoch im dritten Akt im Gefängnis, wenn Eisenstein sich mit seinem Doppelgänger konfrontiert sieht. Ist Eisenstein im zweiten Akt aus Vergnügungslust in die fiktive Haut eines Marquis Renard geschlüpft, so wird es jetzt für ihn gesellschaftlich existenziell – wer mag sein »anderes Ich« sein, wer hat sich mit seiner Frau in seinem Haus vergnügt? In der Rolle seines Anwalts Dr. Blind trifft er in dem Terzett »Ich stehe voll Zagen« auf seine Frau und Alfred. In dem Moment, wo er glaubt, beide der Untreue überführen zu können, müssen jedoch alle Protagonisten ihre Rollenspiele aufgeben und Verantwortung übernehmen. Doch Eisenstein zeigt sich feige. Er leugnet seine eigene Identität, um sich der Gefängnisstrafe zu entziehen, und wird wiederum nicht ernst genommen. Erst der Champagner-chor scheint alle miteinander zu versöhnen – aber die -Realität wartet auf sie.

Welche Rolle spielt Dr. Falke bei alldem? Falke ist der Initiator des Verwirrspiels. Er rächt sich an Eisenstein für eine erlittene gesellschaftliche Blamage, die ihn tief verletzt hat. Als Notar verkehrt er in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und kann es sich nicht leisten im ungeschützten öffentlichen Raum bloßgestellt zu werden. In einem Fledermauskostüm, ohne Hose, in aller Öffentlichkeit nach Hause gehen zu müssen, hat seine Autorität und Würde dermaßen schwer erschüttert, dass er Eisenstein einen ähnlichen Denkzettel verpassen möchte. Er führt ihn zunächst in einen scheinbar geschützten Raum ein – auf den Ball Orlovskys –, in dem alle mit ihren Identitäten spielen und in verschiedene Rollen schlüpfen dürfen. Und das Spiel beginnt – Falke inszeniert seine Rache kunstvoll und lädt alle Protagonisten dazu ein, bewusst oder unbewusst mitzuspielen. 

Rosalinde von Eisenstein kommt dabei zugleich die Rolle der Betrogenen und der Betrügenden zu. Ihre Ehe mit Eisenstein ist Statussymbol und weniger eine echte Liebes- -geschweige denn erotische Beziehung. Alfred hingegen findet sie erotisch, sehr erotisch sogar – seinem »hohen C« kann sie nur schwer widerstehen. So gibt sie sich Eisenstein gegenüber scheinheilig, das Abschieds-Terzett im ersten Akt »So muss allein ich bleiben« mit seinem übertriebenen Pathos lässt an ihrem Abschiedsschmerz zweifeln – zumal auch Eisenstein und Adele in das marschartige förmlich-fröhliche Accelerando des »Oje, oje, wie rührt mich dies« mit einsteigen und die Falschheit der Situation damit gegenseitig vorführen und auf die Spitze treiben – sie alle sind voller Vorfreude auf ein eigenes geheimes Abenteuer, das ein gemeinsames werden soll. Als ungarische Gräfin kann sich Rosalinde in die Festgesellschaft einschleusen und obwohl sie vordergründig ihren Mann überführen möchte, genießt sie dennoch die Privilegien ihrer Scheinidentität und taucht in dem Csárdás kurz ein in eine andere, nichtreale Welt.

Das Podium bietet das Fest Orlovskys, bei dem eine große scheinheilige Festgesellschaft zusammenkommt. Wir wissen nicht, wer sich dort alles versammelt hat – klar ist nur, dass keiner wirklich er selbst ist. Und so lassen sich alle auf das Spiel Falkes ein – kommentieren, verhöhnen und verbrüdern sich »Für die Ewigkeit, immer so wie heut, wenn wir morgen noch dran denken…«. Orlovsky selbst ist dabei nicht ausschließlich der nach Oneginschem Vorbild gelangweilte Lebemann, sondern sucht auf skurrile Art und Weise auf seinen zahlreichen Festen nach Reizen und Lust für sein Leben – nur die Schwelle, auf der ihm das gelingt, ist sehr hoch. 

Der einzig Nüchterne in dem ganzen Spiel ist Frosch. Und das, obwohl er die gesamte Gefängnisszene über betrunken spielen soll – das ist es eben – SPIELEN soll. Die Figur des Frosch ist eine zu spielende Rolle – klassischerweise durch einen Komiker –, die vorgibt etwas zu sein, was sie möglicherweise gar nicht ist. Gefängniswärter? Amtsdiener? Außenstehender Beobachter? Oder doch Mitglied der Festgesellschaft? Implizit wird Frosch Teil von Falkes Intrige, indem er alle Fäden zusammenführt und auf seine naive, von den Geschehnissen scheinbar unbeleckte Art allen Protagonisten einen Spiegel vorzuhalten scheint. 

Die Musik in der Fledermaus ist jedoch der eigentliche Spiegel ihrer Protagonisten. Strauß geht liebevoll mit ihnen und ihren Eskapaden um, doch er nimmt sie nicht vollständig ernst, betrachtet sie gewissermaßen durch eine ironische Distanz. Die Musik greift somit jegliche Rollenspiele auf, konterkariert sie, bildet aber gleichzeitig mit den zahlreichen Tanzmusikeinlagen und der Walzerseligkeit den Nährboden für die perfekte Illusion. Sie erschafft den Zustand einer kurzen Entrückung aus dem Alltag, durch Lust, Spaß und Champagner die eigene Identität und Realität vergessen zu machen – auf der Bühne ebenso wie im Publikum.