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Goethe :: Vom Verschwinden

Im historischen Schießhaus − geplant unter Goethes Beteiligung − betritt alle 12 Minuten je ein Zuschauer eine Installation, in der er Teil einer subjektiven und widersprüchlichen Reise wird. Schon bald wird fraglich, ob er nur Beobachter oder schon Teil der Inszenierung ist.

Eine abenteuerliche Flucht, die Goethe inkognito unternahm, wird zum Ausgangspunkt für eine Reise ins Innere, zu dem dunklen und verleugneten Teil des Lebens, auf den er selbst hinweist: »Was ich geworden und geleistet, mag die Welt wissen, wie es im einzelnen zugegangen, bleibe mein eigenstes Geheimnis.« Zeit seines Lebens stand neben Goethes unbändigem Bekenntnisdrang zugleich der Wille, das eigene Ich zu verhüllen.

»Ich bin in wunderbar dunkler Verwirrung meiner Gedanken. Hören Sie den Sturm, der wird schön um mich pfeifen.« So lautet die einzige zurückgelassene Nachricht, als er sich Ende November 1777, zwei Jahre nach seiner Ankunft in Weimar, heimlich davon stiehlt. Er reist unter falschem Namen und gibt vor, seine Schwester besuchen zu wollen. Dabei ist Cornelia seit einem halben Jahr tot. In Wirklichkeit besucht er einen ihm gänzlich Fremden, einen jungen Mann namens Plessing, den die Lektüre des »Werther« aus der Bahn geworfen hatte. Plessing hatte sich mit ratsuchenden Briefen, die von inneren Konflikten und depressiven Verstimmungen berichten, an Goethe gewandt – ohne je eine Antwort zu erhalten. Nun sucht Goethe den Unglücklichen auf, allerdings ohne seine Identität preiszugeben. Der junge Literaturstar spielt seine Inkognito-Rolle, lässt sich über sich selbst ausfragen und gibt dem Gleichaltrigen therapeutische Ratschläge, mit denen er eigentlich versucht, seine eigene Krise zu bewältigen.

Es war eine andere Flucht, die Goethe zwei Jahre zuvor nach Weimar geführt hat. Sein Leben in Frankfurt erscheint ihm »zweck- und planlos«, er schreibt von »Einkerkerung«, sieht sich wieder »auf einem niedern Sessel am Kindertischgen« im Hause des Vaters sitzen. Sein heimlicher Plan, mit der Verlobten Lili nach Amerika auszuwandern, zerschlägt sich, als Cornelia, seine Schwester, ihm die Geliebte endgültig ausredet. Der Vater möchte, dass er für einige Zeit nach Italien reist. Das würde aber bedeuten, in den Fußstapfen des Vaters zu wandeln, der, seit Goethe denken kann, von seiner Reise nach Italien schwärmt. Außerdem würde der Sohn in finanzieller Abhängigkeit verharren – und schließlich doch wieder nach Frankfurt zurückkehren müssen. Überhaupt will er den Lebensplänen, die der Vater für ihn schmiedet und die aus seinem Leben ein Abbild des väterlichen machen sollen, entkommen. Goethe will »werden«.

Das Erwachsenwerden jedoch ist damit verbunden, sich in Schuld zu verstricken, nicht nur gegenüber dem verlassenen Vater, sondern auch gegenüber Gefährten der Jugend, die man von sich stößt. Wenn sich Goethe zwei Jahre nach seiner Ankunft in Weimar unerkannt auf den Weg zu Plessing macht, so wird dieser auch zum Stellvertreter für Goethes ehemaligen Freund, den psychisch instabilen, hochbegabten Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz. In ihm hatte Goethe seinen »Bruder« gesehen, sein »zweites Du«, aber auch ein unangenehm verzerrtes Spiegelbild, einen Widerschein der verleugneten Anteile in ihm selbst. Ein Jahr ist es her, dass Lenz aus Weimar ausgewiesen wurde, nachdem er sich ein zweites Mal etwas geleistet hatte, das Goethe in seinem Tagebuch nur nebulös als »Eseley« bezeichnet. Ein mysteriöses Schweigen umgibt den Vorfall. Niemand weiß, was sich zuletzt zwischen Goethe und Lenz zugetragen hat, alle Spuren eines Konflikts sind sorgsam getilgt. Die Ausweisung aus Weimar war für Lenz der letzte auslösende Faktor seiner Psychose. Wie zuvor in Lenz, erkennt der Dichter des »Werther« in Plessing seine eigenen Gefährdungen. Er spricht bei Plessing auch zu Lenz und er spricht, wenn er etwas über Goethe sagt, auch zu sich selbst.

Warum aber gibt Goethe auf seiner Reise vor, die Schwester zu besuchen? »Dunckler zerrissner Tag« hatte er im Sommer im Tagebuch notiert, als ihn die Nachricht vom Tod Cornelias erreichte. Ihr Tod bringt ihn völlig aus dem Gleichgewicht. Seit seinem letzten Besuch vor zwei Jahren hat er ihr nie mehr geschrieben, obwohl Cornelia nichts sehnlicher wünscht, als vom geliebten Bruder zu hören. Der ist überzeugt, dass sie sich für den falschen Ehemann entschieden hat, es gibt überhaupt keinen richtigen Mann für sie – bis auf den Bruder. Cornelia war ihm bis zum Zeitpunkt ihrer Heirat die engste Vertraute. Die beiden verbindet seit Kindertagen eine innige Liebe, die gleichwohl durch eifersüchtige Besitzansprüche und Schuldgefühle belastet ist. In seinen autobiografischen Erinnerungen datiert Goethe die Plessing-Episode ein Jahr vor. Damals schrieb Cornelia, sie »schleiche (...) ziemlich langsam durch die Welt, mit einem Körper, der nirgend hin als ins Grab taugt.« Wäre Goethe tatsächlich so zeitig gereist, und wäre er wirklich dorthin gefahren, wohin er unterwegs zu sein behauptete, er hätte seine Schwester noch lebend erreicht.

Goethes Flucht wird berühmt als die »Harzreise im Winter«, am Ende seiner Reise wird er sich endgültig für ein Leben in Weimar entscheiden. Seine Flucht, die ihn von den eigenen Abgründen weg und doch nur weiter in sie hinein geführt hat, mündet in ein Leben, das uns heute als Denkmal begegnet, als weiße Marmorstatue der Klassik, im Innersten unsichtbar, verhüllt vor allzu neugierigen Blicken. Es ist ein Leben, das Goethe absichtsvoll gebaut, ersehnt und zugleich doch immer gefürchtet hat.

Alexandra Althoff

 

»Harzreise im Winter« ist der Titel der letzten noch zur Epoche des »Sturm und Drang« gehörenden Hymne Johann Wolfgang Goethes, die im Dezember 1777 entstand. Die vierte und fünfte Strophe lauten:

Leicht ist's folgen dem Wagen
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Troß
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.

Aber abseits wer ists?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.