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Deine Helden - meine Träume

Interview mit Jonas Schlagowsky zu »Deine Helden - Meine Träume«

 

Seit dem 5. Dezember 2013 tourt unser Schauspieler Jonas Schlagowsky mit dem Klassenzimmerstück »Deine Helden - meine Träume« von Karen Köhler durch Thüringens Schulen. Bereits 60 Mal (Stand: 27.5.) hat er inzwischen den Ex-Boxer Jonas Brandt gespielt, der in seiner Schulzeit in die Neonaziszene abgerutscht ist und aus Eifersucht seinen besten Freund Mo an eine rechtsradikale Gang verraten hat. Über das Stück, die Figur, Reaktionen der Schüler und seine Erfahrungen aus den bisherigen Aufführungen hat er mit Dramaturgin Nora Khuon gesprochen:

 

Wer ist Jonas Brandt?

Jonas kommt aus Thüringen. Er ist ohne Vater aufgewachsen, sein Stiefvater hat ihn geschlagen. Seine Mutter konnte ihm nicht helfen. Mit 12 hat er angefangen zu boxen und hat durch den Sport viel für das Leben gelernt: Soziale Umgangsformen, Gemeinschaft, für seine Ziele im Leben zu kämpfen, was er auch tut. Der Boxverein wurde zu seiner Ersatzfamilie. Seinen besten Freund, Mo, hat er im Boxverein kennengelernt. Trotzdem ist Jonas in die rechtsradikale Szene abgerutscht. Viele Faktoren kamen zusammen, dass das passieren konnte. Die Freundschaft zu Mo, seinem besten Freund, kündigt er trotz dessen Migrationshintergrunds nicht auf.

Leider verlieben sich aber Mo und Jonas in das selbe Mädchen: Jessica. Und Jonas muss auf schmerzhafte Weise davon erfahren, dass die beiden hinter seinem Rücken ein Verhältnis haben. Daraufhin brennen bei ihm alle Sicherungen durch und er verpfeift Mo an eine Nazi-Gruppe, die ihn zusammenschlägt...

Jonas bereut seine Tat und schreibt Mo einen Entschuldigungsbrief, den er jetzt 7 Jahre später in seinem Klassenzimmer sucht und deswegen dorthin zurückkehrt.


Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Für mich gibt es drei zentrale Themen in dem Stück: Rechtsradikalismus, Boxen und die Pubertät, mit allem was dazu gehört.

Das Thema Rechtsradikalismus begleitet mich schon sehr lange. Auch in meiner Heimat in Norddeutschland ist Rechtsradikalismus ein Thema und es gab einen guten Bekannten von mir, der sich in der Pubertät in diese Richtung entwickelt hat. Innerhalb der Probenzeit haben wir viele Dokumentationen über Rechtsradikale in Deutschland angeschaut. Wir haben uns auch mit dem Ablauf der Konzerte auseinandergesetzt, mit der Musik, was ja ein wichtiges Moment in der Geschichte von Jonas Brandt ist.

Boxen war mir vor der Produktion ziemlich fremd. Deswegen bin ich in den Boxverein in Weimar gegangen. Dort wurde ich sehr offen empfangen und es hat mir viel geholfen, Phantasie für die Rolle zu entwickeln. Wie das Training abläuft, der sehr respektvolle Umgang untereinander, das hat mich sehr beeindruckt. Weit über die Hälfte der jungen Boxer im Verein haben einen Migrationshintergrund. Manche sind erst sehr kurze Zeit in Deutschland, kommen aus Krisengebieten. Der Boxverein gibt diesen Jugendlichen einen Halt. Der Boxtrainer weiß eben auch Bescheid, wie es zuhause oder in der Schule läuft und kümmert sich drum, wenn es Probleme gibt. Was dort an Integration und sozialer Arbeit geleistet wird ist enorm.

Leider habe ich das Boxtraining schnell wieder vernachlässigt. Nach einer Trainingseinheit war ich so erschöpft, dass eine Probe am selben Tag für mich unmöglich wurde.

Darüberhinaus habe ich mich viel an meine persönliche Pubertät erinnert. Ich habe mir viele Fotos von damals angesehen. Ich habe mich gefragt: Wer war meine Jessica? Wer war mein Mo? Wo wollte ich damals unbedingt dazugehören? Da gab es viele persönliche Anknüpfungspunkte, die konkret in meine Fantasie eingeflossen sind.


Die Autorin Karen Köhler hat für ihr Stück Weimarer Schülerinnen und Schüler u.a. zu ihren Wünschen, Ängsten und Träumen befragt. Ist  dieses Material konkret in den Text eingeflossen?

Absolut. Deswegen ist der Text auch so unmittelbar für die Schüler. Für jede der Hauptfiguren gab es konkrete Vorbilder aus den über 150 Fragebögen, die Schüler aus Weimar und Umgebung anonym der Autorin anvertraut haben.

Für Jonas gab es das Vorbild eines 12jährigen Schülers, dessen Vater verstorben ist und dessen Stiefvater ihn nicht als Sohn anerkennt. Regelmäßig werden er und seine Mutter von seinem Stiefvater geschlagen. Seine Helden sind, wie bei Jonas, Bud Spencer und Terence Hill.

Auch ein 14jähriges Mädchen schrieb in ihren Fragebogen, dass Sie regelmäßig - genau wie Jessica - von einem Klassenkameraden geschlagen wird, weil sie sich nicht in ihn verliebt.


Ihr führt nach den Vorstellungen immer ein Gespräch mit den Schülern. Welche Frage kommt immer? Welche Frage würdest du gerne gestellt bekommen?

Es gibt eigentlich drei Fragen, die nahezu immer gestellt werden. »Tut es weh, wenn du so mit dem Kopf gegen die Tafel haust?«, »Ist dein Tatoo echt?« und »Ist dir das wirklich alles passiert?«


Was war die überraschendste Reaktion während deines Monologs?

Im dem Stück gibt es eine Stelle, an der Jonas von seinem ersten Besuch eines Nazikonzerts sehr emphatisch erzählt. Diese Erzählung mündet in einem Hitlergruß. Wegen den meist entsetzten Reaktionen der Schüler geht Jonas anschließend in eine Abwehrhaltung und sagt. »Wollt ihr mich jetzt verurteilen? Ihr wart doch noch nie auf so einem Konzert!« Dies entgegnete ein Schüler mit einem »Leider nicht.« Da bin ich schon ein wenig aus der Kurve geflogen.


Hast du das Gefühl, »Deine Helden - meine Träume« holt die Schüler in ihrer Realität ab?

Absolut. Das merke ich auch an den Reaktionen, die Liebesgeschichte löst so einiges bei den Schülern aus. Da kommen sie teilweise aus dem Kichern nicht mehr raus. Aber auch die Familiengeschichte mit Jonas' zerrüttetem Elternhaus wirkt sehr stark auf die Schüler. Ich habe auch schon erlebt, dass Schüler sich nach dem Stück den Lehrern anvertraut haben, dass auch sie häusliche Gewalt erfahren. In Weimar fing ein Mädchen in der Pause zwischen der Aufführung und dem Nachgespräch an zu weinen.


Das Klassenzimmerstück bedeutet für dich eine ziemliche Umkehr deines normalen Arbeitsrhythmus. Wie läuft so ein Schulbesuch typischerweise ab?

Wenn wir ganz weit rausfahren müssen kommt es auch mal vor, dass wir schon um 7 Uhr losfahren. Wenn ich am Vortag bis Abends Probe hatte, macht das Aufstehen nur mäßig Spaß. Dann fahren wir mit dem Auto los zu der Schule, in der wir spielen. Dort ziehe ich mir dann mein Kostüm an. Anschließend springe ich immer noch ein wenig Seil. Das Ritual ist aus der Probenzeit vom Boxtraining übriggeblieben und hilft mir warm zu werden.  Aber ich bediene mich auch an Kaffee und koffeinhaltigen Erfrischungsgetränken um bei der Uhrzeit spielbereit zu sein. Anschließend gehe ich vor den Schülern in den Klassenraum und schau ihn mir genau an. Dann kommen die Schüler rein und die Vorstellung beginnt. Die Vorstellung dauert ungefähr eine Zeitstunde, danach bleibt uns immer noch eine halbe Stunde für ein Gespräch. Das finde ich ganz wichtig, dass wir die Schüler mit dem Stück nicht alleine lassen. Außerdem ist es für mich immer sehr wertvoll, so ein direktes Feedback zu bekommen.


Welches war der von Weimar weit entfernteste Ort, den du angefahren hast, und welcher der schönste?

Der weit entfernteste Ort war gleichzeitig auch der schönste. Im Dezember sind wir nach Haubinda gefahren, das ist ein winziges Dorf im südlichsten Zipfel von Thüringen, knapp 150 Kilometer von Weimar entfernt, in der Nähe von Coburg. Dort gibt es ein reformpädagogisches Internat, wo Schüler mit den Lehrern zusammen in ihren Familien wohnen. Die haben in den Räumen, wo unterrichtet wird - Klassenzimmer würde ich das nicht nennen - Sofas und Billardtische, die Räume hatten eine Galerie, oben standen Computer, es gab keine Tafel, dafür eine Bar mit einer Küche und einem riesigen Pizzaofen.


Gab es ein skurriles Erlebnis oder eine Anekdote während einer deiner Reisen?

In eine Vorstellung sind zwei Hausmeister reingekommen, die eine Glühbirne auswechseln wollten. Als ich sie – halb in der Figur, halb privat – aus der Klasse geschmissen hatte, kamen sie einfach über den zweiten Eingang wieder herein und haben die Glühbirne während meines Monologs ausgetauscht. Die Lehrerin hat sie nicht davon abgehalten. Das fand ich schon ziemlich absurd.


Kurzes Resümee nach deiner 60. Vorstellung? Was hast du über Thüringen oder seine Schüler rausgekriegt?

Sehr unterschiedliches. Ich könnte für jede Schule ein anderes Resümee ziehen. Es gibt Schulen, wo man merkt wie gut es den Schülern dort geht, wie wohlbehütet sie höchstwahrscheinlich aufwachsen und wie eloquent sie sich schon ausdrücken können. Dann wiederum gibt es Schulen, wo die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund hat, von denen wiederum eine Handvoll kaum die deutsche Sprache beherrscht und die andere Hälfte einem rechten Gedankengut zumindest nicht abgeneigt ist.

Dass es solche Unterschiede gibt finde ich traurig. Die Ungerechtigkeit der sozialen Herkunft wird einem dabei ziemlich konkret vor Augen geführt. Auch ein Thema, was das Stück anspricht und was auch die Grundlage für das Abrutschen von Jonas ist. »Warum hat Mo so eine tolle Familie mit Eltern, die stolz sind auf das was er tut und ich nicht?«