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Weiskerns Nachlass

„Wir sind nicht vermarktbar, mein Weiskern und ich“

 

59 und noch nichts für die Unsterblichkeit getan. Der Satz könnte von Rüdiger Stolzenburg sein, der Hauptfigur von Christoph Heins Roman »Weiskerns Nachlass« und Dozent  mit halber Stelle an der Universität Leipzig. Aber der drückt sich etwas prosaischer aus als seinerzeit der (bedeutend jüngere) Friedrich Schiller: Es ist nicht sehr angenehm, ein alter Mann zu werden und nichts erreicht zu haben.

Zwar widerspricht ihm sein Chef: Stolzenburg sei sein bester Mann, publiziere, hätte guten Umgang mit seinen Studenten; aber ist beruflicher Erfolg wirklich Ansichtssache? Psychologisch gesehen möglicherweise, doch in unserer auf Messbarkeit getrimmten Welt ist einer, der nichts verdient und keinen Titel hat, vielleicht doch einfach nur einer, der es nicht geschafft hat. Ganz unabhängig von individuellen Entscheidungen und Fehlentscheidungen, Misserfolgen oder der persönlichen Verfasstheit eines Menschen. Unabhängig auch von den gesellschaftlichen Ursachen. Und die Faktenlage für Rüdiger Stolzenburg, dem in jungen Jahren eine glänzende akademische Karriere bevorstand, ist erdrückend: er ist Dozent, nicht Professor, er hat eine halbe Stelle, keine Ganze, obwohl ihm eine solche seit 15 Jahren versprochen ist. Nun wird es aber wohl nichts mehr damit, da sein Fachbereich radikal kürzen und Stellen einsparen muss. So quetscht sich Stolzenburg weiterhin in überfüllte Billigflieger, um schlecht honorierte Vorträge zu halten, und hält sich mit ein paar Rezensionen hier und ein paar Aufsätzen da über Wasser. Sein Lieblingsforschungsprojekt Friedrich Wilhelm Weiskern findet nur noch in seiner Freizeit statt. Alles, was finanziell den courant normal seines studentenhaften Daseins übersteigt, ist eine Katastrophe. Bei einem tatsächlichen Studenten wäre das verschmerzbar, wer jung ist, ist bereit zu investieren, aber für einen Dozenten am Ende seiner Karriere ist die Lage ein Desaster.

Wann hat das aufgehört, dass einer Kraft seiner Intellektualität einen gesellschaftlichen Status hatte? Und vor allem: wann hat das aufgehört, dass ernsthafte Forschungsprojekte – je abwegiger desto besser – keiner weiteren Legitimation bedurften als der, dass ja immer etwas Entscheidendes dabei herauskommen kann und Forschung sowieso nur bis zu einem gewissen Grad von Laien nachvollziehbar ist? Wann ist der Konsens verschwunden, dass Forschung – auch in den schon immer etwas ungreifbareren Geisteswissenschaften – einen Wert an sich darstellt, dass sie die Gesellschaft weiter-bringt, etwas ist, was wir uns leisten wollen und müssen?

Sind wir eine Universität oder ein Dienstleistungsunternehmen?, fragt Rüdiger Stolzenburg und malt mit seinem Autor Christoph Hein ein rabenschwarzes Bild der aktuellen Lage der Universitäten. Hier sind alle unter Druck, keiner ist verantwortlich, alle kommen mit dem Dilemma nicht zurecht.

Noch ist es an guten Universitäten vielleicht nicht ganz so: sicher ist noch vieles möglich und wer Rückgrat hat, kann sich behaupten – aber der Ruf nach „Leuchttürmen“, Vereinheitlichung und vermarktbaren und damit mainstream-verträglichen Forschungsergebnissen wird immer lauter oder besser gesagt, er ist im allgemeinen Bewusstsein angekommen. Da die Universitäten zunehmendem Spardruck ausgesetzt sind, haben sie gar keine Wahl, als sich nach Drittmitteln umzusehen. Wer kein Geld auftreiben kann (oder will) ist weg vom Fenster und versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Nebenbei bemerkt gilt das auch für viele Stadttheater in Deutschland.

Wirtschaftlich finanzierte Forschungsprojekte und Lehrstühle oder gesponserte Hörsääle mit sprechenden Namen wie Sparkassen-Hörsaal oder Aldi-Hörsaal sind an vielen Universitäten längst Realität. Es führt auch kein Weg daran vorbei, und ehrenhafte Absichten gehören genauso dazu wie gute Resultate – aber die Unabhängigkeit von Bildung und Wissenschaft – eines der wertvollsten Güter unserer Gesellschaft – wird in Zukunft immer schwieriger zu gewährleisten sein.

»Wir sind nicht vermarktbar, mein Weiskern und ich«, sagt Stolzenburg, und an dieser Stelle widerspricht ihm keiner, denn es ist eine Tatsache: kein Verleger druckt mehr eine kritische Gesamtausgabe über einen unbekannten Schauspieler, Regisseur und Autor des 18. Jahrhunderts. Nicht, ohne dabei selbst den Konkurs zu riskieren. Warum es so ist, und warum es soweit kam, als gesellschaftliche Tatsache einerseits, als nüchterne Bilanz eines modernen Gelehrtenlebens andererseits, das ist die Frage, die im Zentrum des Romans und unserer Beschäftigung damit steht. Und auch: welchen Einfluss man als moderner Mensch darauf hat oder haben könnte.

Während Goethes Faust auf der Großen Bühne die grosse Ablenkung von seinem Studierzimmer sucht, sucht unser kleiner Gelehrte im E-Werk ebenso verzweifelt nach einem Augenblick der Sammlung und Konzentration für seinen kleinen sächsischen Topographen und Mozart Librettisten Friedrich Wilhelm Weiskern.

Julie Paucker