© Andreas Schlager
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  • Großes Haus
  • Premiere 21.01.2023

Der Silbersee – ein Wintermärchen

Schauspieloper in drei Akten von Kurt Weill mit einem Text von Georg Kaiser

Eine Ananas wird zum Stein des Anstoßes: Severin, ein Obdachloser, der am Ufer des Silbersees haust, überfällt mit vier Kameraden ein Lebensmittelgeschäft in der nahegelegenen Kleinstadt. Als er sich mit einer gestohlenen Ananas auf die Flucht begibt, wird er vom Landpolizisten Olim angeschossen und überlebt nur knapp. Bei der Untersuchung von Severins wenigen Habseligkeiten findet Olim die Ananas in dessen Rucksack und muss feststellen, wie nichtig der Anlass der Flucht und der Grund seines Schusses waren. Vom schlechten Gewissen geplagt, beschließt er, seine Schuld an Severin wiedergutzumachen. Just in diesem Moment gewinnt er in der Lotterie und kauft ein Schloss, wohin er Severin aus dem Krankenhaus verfrachtet, um ihn in der angenehmen Umgebung gesundzupflegen. Trotz der vielen Wohltaten, die ihm widerfahren, will Severin immer unverzeihlicher denjenigen ermitteln und bestrafen, der ihn angeschossen hat. Als dann noch die adelige Frau von Luber mithilfe ihrer Nichte Fennimore und ein Baron Laur das Gebäude zurück in ihren Besitz bringen wollen – sie waren die Vorbesitzer der Luxusimmobilie gewesen und sind noch als schuldenfreie aber verarmte Hausangestellte vor Ort –, entpuppt sich Olims Wiedergutmachungsprojekt als Luftschloss. Doch wie bei jedem Märchen nimmt alles einen unwahrscheinlichen guten Ausgang.

1933 kam es trotz organisierter nazistischer Störversuche zur erfolgreichen Ringuraufführung des »Silbersee« in Leipzig, Magdeburg und Erfurt. Kurt Weill hatte nach seiner bedeutenden Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht bei Musiktheaterwerken wie »Die Dreigroschenoper« (1929) und »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« (1930) die Arbeitsbeziehung mit dem seinerzeit berühmten Dramatiker Georg Kaiser im Jahre 1932 wieder aufgenommen. »Kaiser will mit mir ein musikalisches Volksstück schreiben«, meldet Weill seinem Verlag und fährt fort: »Es soll keineswegs eine Oper werden, sondern ein Zwischengattungsstück.« Auch als Schauspiel-Oper wurde das Stück bezeichnet, was auf die Verbindung von opernhaften Teilen, Chorstücken und großem Orchesterapparat mit gewichtigen Sprechszenen und einer möglichst gleichzeitigen Besetzung von Opernsänger*innen und Schauspieler*innen verweist. Damit ist der »Silbersee« ein weiteres spannendes Experiment mit dem Genre Oper und einer ihrer wichtigen Innovationsschritte im 20. Jahrhundert.

»Da ich nicht alle hungrigen Mäuler stopfen kann und niemals stark genug bin, eine bessere Weltordnung durchzudrücken, so widme ich mich einem Einzelnen.« So beschließt Olim, nach Severins Straftat und seiner Missetat an ihm nun eine Wohltat zu verüben.

»Der Silbersee« behandelt das Problem der Wohltätigkeit innerhalb ungerechter und auf Ungleichheit basierender Verhältnisse und wirft die Frage auf, wieviel der Einzelne tun kann und wieviel die Gemeinschaft tun muss, um die Welt zu verbessern. Weill und Kaiser entwerfen inmitten von Zeiten sozialer Zerrissenheit eine märchenhafte Utopie der Versöhnung zwischen einem straffällig gewordenen Arbeits- und Obdachlosen und einem von Skrupeln geplagten kleinbürgerlichen Ordnungshüter, die – auch und gerade gegen die neuen alten Herrschenden – zu einem gemeinsamen solidarischen Bewusstsein und einem hoffnungsvollen, wenngleich legendenhaften Ende finden. Als Weill und Kaiser diesen Werkplan in Angriff nehmen, wissen sie freilich noch nicht, dass zum Zeitpunkt der Uraufführung des Stückes bereits Menschen an der Macht sein würden, deren Idee von Volksgemeinschaft weniger humanistisch als vielmehr vollkommen barbarisch war.

Regisseurin und Operndirektorin Andrea Moses und ihr Team lesen den »Silbersee« in Zeiten verwandter gesellschaftlicher Verhältnisse als tragikomisches Stück über den utopischen Versuch, eine gespaltene Gesellschaft wieder zusammenzuführen. An der Frage nach Barmherzigkeit in einer erbarmungslosen Welt wächst die Kleinstadtposse zum genreübergreifenden Welttheater. Welchen Zwecken dient eine mitleidvolle Wohlfahrt? Wozu führt private Wohltätigkeit in ausbeuterischen Verhältnissen, außer dass die Veränderung der Verhältnisse unterbleibt? Oder geht es um mehr als um die goldene Ananas?

Am 21. Februar 1933 erfolgt eine »Gemeinschaftserklärung« nationalsozialistischer und völkischer Verbände und Organisationen gegen den »Silbersee«. Anfang März 1933 wurde das Stück an allen drei Uraufführungsbühnen abgesetzt. Kurt Weills Musik verstummte für die folgenden zwölf Jahre in Deutschland, dessen tausendjähriger Winter alles andere als märchenhaft und dem – wie noch bei Heines »Deutschland. Ein Wintermärchen«, das die Silberseeautoren zu ihrem Untertitel inspiriert hatte – kaum mit satirischer Dichtung mehr beizukommen war.

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Sa 21.01.2023 // 19.30 Uhr Premiere

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So 29.01.2023 // 16.00 Uhr

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Mo 01.05.2023 // 18.00 Uhr